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Narco News Issue #39

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Zapatistas Reloaded

Das Versterben Ramonas drückt den Knopf „Neustart“ für Marcos´ sechsmonatige Rundreise


Von Andrew Kennis
Speziell für the Narco News Bulletin

9. Januar 2006

San Cristobal de las Casas und Tonalá, Chiapas, Mexiko: In einem Kommuniqué von Samstagnacht verkündete der Subcomandante Marcos, dass die Zapatisten ihre sechsmonatige Rundreise durch die Nation, die Andere Kampagne, fortsetzen würden, wobei sie bezüglich der Mehrheit der geplanten Aktivitäten einen Rückstand von drei bis sieben Tagen hätten: Die Kampagne ist in ein Schlagloch gefahren durch das Versterben der Kommandantin Ramona am vergangenen Freitag.

Der Plan für die kommenden sechs Monate der zapatistischen Anderen Kampagne, in der Marcos als Delegierter Null die 31 mexikanischen Staaten und den Distrito Federal (Mexiko-Stadt) besuchen wird, ist neu programmiert worden und begann heute von neuem dort, bis wohin er am letzten Freitag gelangt war, in der Küstenstadt Tonalá. Zu den Änderungen am ursprünglichen Plan gehört die Entscheidung zuerst nach Quintana Roo zu fahren statt nach Yucatán und der Küstenlinie durch Chetumal, Playa del Carmen und Cancún zu folgen. Das mobile Team des Anderen Journalismus befindet sich augenblicklich in Yucatáb und wird seine Arbeiten von dort aus fortsetzen. Zu den weiteren Veränderungen gehört die Absage der Pläne Comitán in Chiapas zu besuchen, einen Ort mit einer bedeutenden Unterstützungsbasis der Zapatisten. Eine Absage, die nicht erfolgte, war jedoch die vorgesehene Reise in die überwiegend indianische Gemeinschaft von Huixtla, die stark von den Hurricans verwüstet worden war. Der neue Reiseplan besagt, dass die Kampagne am Dienstag, dem 10. 01. dort eintreffen wird.

Die Unterbrechung der Kampagne erfolgte unmittelbar nach der öffentlichen Bekanntmachung des Todes der Kommandantin Ramona, die auf unerwartete Weise während des Kampagnenhalts in Tonalá erfolgte. Der Subcomandante Marcos entschuldigte sich abrupt und verließ den Ort, wo eine Kundgebung stattfand und eine Stunde später verkündigte er mit verweinten Augen und gebrochener Stimme die Nachricht vom Tod Ramonas. Sofort danach brach die 6. Kommission, eine Gruppe, die aus indigenen Kommandanten und dem Subcomandante Marcos besteht und die Kampagne leitet, zur siebenstündigen Reise nach Oventic auf, wo am Samstag die Beerdigung Ramonas stattfand. Das Begräbnis war für die Presse und die allgemeine Öffentlichkeit gesperrt.

Die Wiederaufnahme der Kampagne an der Küste von Chiapas geschieht nach verschiedenen Ereignissen, die vor der kurzzeitigen Unterbrechung der letzten Woche geschahen. Am letzten Freitag auf dem Weg nach Tonalá machte Marcos einen überraschenden Halt in El Amata, einem chiapanekischen Gefängnis. Der selbsternannte Delegierte Null begab sich zum vergitterten Eingang des Gefängnisses und näherte sich den schwer bewaffneten Wachen, in einem Moment voller Spannung. Marcos sprach mit den Wachen und sagte ihnen, dass dort Genossen der Zapatisten eingesperrt seien und verlangte, dass ihre Menschenrechte respektiert und eingehalten würden. Durch die noch immer sprachlosen Wachen sandte Marcos eine Botschaft der Solidarität an die Gefangenen.

Nach dem überraschenden Halt in El Amate wurde ein zusätzlicher Halt in dem kleinen Dorf Arriaga eingelegt. Marcos grüßte etwa 200 Sympathisanten und nahm Briefe und Beschwerden entgegen, im Einklang mit dem Ziel der Anderen Kampagne den „einfachen und bescheidenen“ Menschen Mexikos zuzuhören und von dort aus ging es weiter nach Tonalá.


Marcos in Arriaga
Photo: D.R. 2006 Andrew Kennis

In Tonalá gab es eine große öffentliche Kundgebung im Hörsaal und dem Sitz des Frente Cívico Tonalteco (Tonaltekische Bürgerfront). Die offene Versammlung war ähnlich wie der vergangenen Woche in Nueva Maravilla, einem armen und indigenen Stadtteil am Rande von San Cristobal. Allerdings waren die Einwohner Tonalás nicht so politisch aktiv wie diejenigen, die in dem weniger öffentlichen Treffen in San Cristobal sprachen, das eine größere politische Rolle spielte. Hausfrauen, Früchteverkäufer, der jüngere Bruder eines Auswanderers, Lokalreporter und ein Mitglied der indigenen Gemeinschaft von Tulijá waren unter den Menschen, die mit dem Delegierten Null über Probleme sprachen, die Regierung nicht gelöst hatte. Dieser führte die Andere Kampagne an, die so geplant worden war, dass sie eine Plattform darstellt, damit die „einfachen und bescheidenen“ Menschen Mexikos zu Wort kommen. Die Litanei der Probleme und Beschwerden beinhaltete den Mangel an Arbeitsplätzen vor Ort und die Probleme im Zusammenhang mit der Abwanderung, die Strom- und Wasserrechnungen in diesem Staat, der die Hauptquelle der Elektrizität für Mexiko-Stadt ist, der Mangel an Bildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätzen für die Jungen und viele andere Probleme.

Pedro, ein Indígena Chola aus Tulijá, fragte Marcos, ob er in sechs Jahren für die Präsidentschaft kandidieren und die Bewegung zurücklassen wolle. Der Delegierte Null reagierte mit einem definitiven Nein. Als Antwort bat Pedro bessere Kommunikationslinien zu den Zapatisten errichten und so eine neue und demokratischere Nation aufbauen.

Nachdem stundenlang aufmerksam zugehört und sich Notizen gemacht hatte, antwortete Marcos auf die Vielzahl von lokalen Problemen und Kämpfen, die die einfachen Leute von Tonalá angesprochen hatten: „Ich kann eine Menge von Ängsten identifizieren: Was wird aus unserer Bewegung? Ich kann bei euch allen die Angst sehen, dass die Führer (der EZLN) korrumpiert werden, euch alleine lassen und in das (politische) Spiel einsteigen. Was wir zu tun versuchen ist, jeden davon zu überzeugen, dass die compañeros und compañeras jederzeit berücksichtigt werden. „

Kommunikationslinien herzustellen ist das, worum es vor allem geht bei der Anderen Kampagne, die letztlich eine Allianz der unabhängigen Linken, die nicht an Wahlen teilnehmen will, schaffen möchte, die die Kraft aufbringen könnte um eine neue antineoliberale Verfassung einzuführen.

Dies und andere gebrochene Versprechen – wie die Umsetzung der Abkommen von San Andrés über die indigene Autonomie – würden sicherlich zu den besten Weisen gehören das Gedenken an die Kommandantin Ramona zu ehren.

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