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Narco News Issue #40

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Der Kampf um den Zirahuén-See

Gemeindebauern in Michoacán fest entschlossen ihr Land gegen multinationale Tourismus-Unternehmen zu verteidigen


Von Bertha Rodríguez Santos
Der Andere Journalismus an der Seite der Anderen Kampagne in Michoacán

4. April 2006

ZIRAHUÉN, MICHOACÁN, MÉXICO: Mit den Rufen „Zapata lebt, der Kampf geht weiter!“ und „Cárdenas, kapier’s endlich, unser Land ist nicht zu verkaufen!“ empfing eine 500-köpfige Demonstration indigener Kleinbauern aus dem Caracol in Rebellion vom Zirahuén-See den zapatistischen Subcomandante Marcos. Später drückten sie ihm gegenüber ihre Entschlossenheit aus, den Kampf zur Verteidigung ihres Gemeindelands weiter zu führen, das von einem ambitionierten Großprojekt der Tourismus-Industrie bedroht ist.


Der Zirahuén-See und die dort lebende Purépecha-Gemeinde werden von einem Großprojekt der Tourismus-Industrie bedroht.
Foto: D.R. 2006 Amber Howard
Dieses Projekt wird vom lokalen PRI-Vorsitzenden Guillermo Arreola Estrada forciert, der nach Angaben der Bauern darauf aus ist, ein Ferien-Paradies mit Kasions, Fünf-Sterne-Hotels, Restaurants und verschiedenen Erholungseinrichtungen, inklusive eines Golfplatzes, zu bauen – auf einem gut 1200 ha großen Stück Land der Gemeinde am Ufer des Zirahuén-Sees. Außerdem seien Anlegestellen für Yachten und Vergnügungsdampfer geplant.

Gegen 9 Uhr abends strömten die Männer und Frauen, junge und alte, die bereits Stunden auf die Ankunft des Delegado Zero – Subcomandante Marcos von der Zapatistischen Armee zur nationalen Befreiung, EZLN abgekürzt auf Spanisch – gewartet hatten, auf eine der Hauptstraßen, um ihn willkommen zu heißen.

Die Bevölkerung von Zirahuén wirkte fröhlich, und obwohl die Leute hier nicht die gleiche Tradition nächtlicher Straßen-Aufmärsche, sogennanter paseos, haben wie in Oaxaca, wurde aus der Begrüßungsdemonstration für den Sprecher der Zapatisten plötzlich ein Festival begleitet von der Musik zwölf lokaler Bands.

„Von der Küste bis zu den Bergen kämpfen Leute für ihr Land!“ war ein weiterer Slogan, der von den stürmischen Demonstranten zu hören war, die häufig mit den Medien-Vertretern zusammenstießen, die der Anderen Kampagne der Zapatisten folgen.

Die erfolgreiche Verteidigung der natürlichen Ressourcen durch die indigenen Purépechas sticht in der Geschichte der Gemeinde besonders hervor, erklärte der erfahrene Kämpfer für die Rechte der Landbevölkerung, Marcos Paz, als er Delegado Zero in Empfang nahm.


Marcos wird von Marcos Paz und anderen Einwohnern von Zirahuén, Michoacán, am Montagabend begrüßt.
Foto: D.R. 2006 Yael Gerson Ugalde
Immer wieder wird man an Efrén Capiz erinnert, den verstorbenen Kämpfer für die Rechte der einfachen Bauern. So auch zu Beginn der Willkommens-Zeremonie: Ein Landwirt erzählte, dass im Oktober 2003, am 25. Jahrestag der Gründung der von Efrén Capiz geleiteten Emiliano-Zapata-Vereinigung der kommunalen Landwirte (UCEZ abgekürzt auf Spanisch), die Stadt Zirahuén zu einem autonomen Gebiet, einem zapatistischen Caracol erklärt wurde und seither nach dem zapatistischen Prinzip des gehorchenden Regierens verwaltet wird.

Marcos Paz nannte diesen Schritt eine Antwort auf die Repression durch die Regierungen auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene, unter denen die einfachen Landwirte (bekannt als comuneros, d.h. Gemeindeland-Bauern, da sie das Land gemeinsam schützen und bearbeiten) seit Jahrzehnten zu leiden hätten.

Seit 1988 konzentrieren sich die Anstrengungen der Bauern auf die Verteidungung des etwa 20 km² großen Zirahuén-Sees. Der ehemalige Vorsitzende der Gemeindeland-Verwaltung, Paz, erklärte den Anwesenden, dass der See für die Anrainer wesentlich mehr bedeute als für die Investoren, die ihn als Goldgrube betrachten würden.

An diesem Tag gründeten Landwirte aus vierzehn Dörfern eine Front zur Verteidigung des Zirahuén-See-Tals.

Als Marcos Paz das Wort ergriff, klagte er Guillermo Arreola Estrada an, seinen Namen für die Interessen französischer, japanischer, spanischer, schweizer und US-amerikanischer Unternehmen herzugeben, die ein Tourismus-Komplex auf dem Land der Gemeinden errichten wollen.

Tatsächlich gibt es bereits zwei Anlegestellen am See für Touristen: eine gehört der Gemeinde, die andere Guillermo Arreola.

Die Gemeinde lehne das touristische Großprojekt ab, argumentiert Marcos Paz, weil die Leute nicht wollten, dass der See zu einem Faultank werde, wie es mit dem Pátzcuaro-See passiert sei.

Er selbst empfände es als unfair, wenn am Ende irgendwelche Investoren als Eigentümer der natürlichen Schätze dastünden, die von den indigenen Völkern seit alters her gehütet wurden. Außerdem habe die Gemeinde das Gebiet mit 970 Pinien und anderen natürlich vorkommenden Bäumen wieder aufgeforstet.

Gleichzeitg prangerte er die heimliche Abholzung an, bei der die Behörden Komplizen der Unternehmen seien. Laut Paz erpressten Angestellte der öffentlichen Verwaltung Geld von den illegalen Holzfällern und erlaubten ihnen dafür ihr Geschäft weiter zu betreiben.
Wenn aber jemand aus der Gemeinde einen Baum fälle und eine Beschwerde beim Bundesanwalt für Umweltschutz (PROFEPA abgekürzt auf Spanisch) eingereicht werde, müsse die Gemeinde innerhalb von 24 Stunden ein Bußgeld zahlen.

Viele Leute hätten Angst davor, illegalen Holzabbau anzuzeigen, sagte Paz. Er sprach von einem Klima der Unterdrückung, in dem die Gemeinde wegen der Regierung lebe. Selbst schriftliche Beschwerden der Bauern blieben ohne Folge, denn hinter den Beschuldigten stünden „die Reichen und Ausländer“.

Der alte Landwirt bezeichnete die derzeitige mexikanische Regierung als Ausverkaufs-Verwaltung: „Vicente Fox sagt, dass die Rezession im Agrarsektor vorüber ist, aber das ist eine Lüge. Es gibt landwirtschaftliche Gemeinden, die zwar die notwendigen Besitztitel haben, aber in Wirklichkeit keinen Zoll breit an Boden besitzen, weil die Parteibosse alles kontrollieren.“

Zusammengefasst: Die Bauern erkennen, das sie von Ländereien leben, die heiß begehrt sind seitens transnationaler Konzerne. Aber sie wissen auch, dass sie dieses Land nicht verkaufen dürfen trotz des Drucks, den die Regierung mit Programmen wie PROCEDE und PROCECOM ausübt. Beide Programme wurden nach der Änderung des Artikels 27 der Verfassung eingeführt, der bis dahin den Verkauf von Gemeindeland untersagte.

Auf diese Weise kehre der Großgrundbesitz zurück, wie er vor der mexikanischen Revolution existierte, meinte Marcos Paz. Die oben erwähnten Regierungsprogramme hätten bereits mehrere Gemeinden zerstört, die von der Landwirtschaft gelebt hatten. Nichtsdestotrotz ist Zirahuén dieses Schicksal bisher erspart geblieben.

„Wir wollen nicht Diener der Reichen sein“, warnte Paz und fügte hinzu: „Wir brauchen keine Regierung, die uns bemitleidet.“ Die Gemeinden beherbergten große natürliche Reichtümer, die genutzt werden sollten, ohne die Natur zu schädigen – durch Öko-Tourismus-Projekte in den Händen der Gemeinden.

Als Delegado Zero an der Reihe war zu sprechen, verwies er auf die Legende eines Maya-Kriegers, der ein Muschelhorn benutzte, um seine Leute zum Kampf zu rufen. (Das spanische Wort für Muschel und Schnecke, caracol, ist übrigens die Bezeichnung für die zapatistischen Basis-Gemeinden.) Das selbe Muschelhorn wurde benutzt, um zum Widerstand gegen die Invasion der Europäer aufzurufen, doch es gab keine Antwort auf den Ruf des Caracol.

Aber jetzt habe der Ruf des Caracol von Zirahuén zur Verteidugung seines Landes die Berge im Südosten Mexikos erreicht. Dieser Ruf sei nicht nur eine Warnung vor der Gefahr sondern auch eine Warnung an den Gegner vor dem Geist des Widerstands und der Entscheidung zur Verteidigung gewesen. Die Zapatisten betrachteten das Caracol Zirahuén als Teil von sich, und jeden Angriff darauf als Angriff auf sie selbst.

Die Probleme, die er und die Delegation der Anderen Kampagne im Staat Michoacán gesehen haben, seien ein Beispiel dessen, was nach dem 2. Juli passieren werde. Dabei bezog sich Delegado Zero auf die Präsidentschaftswahlen, bei denen fünf Kandidaten zur Auswahl stehen. Seiner Meinung nach sei es egal, wer gewählt werde, denn es gehe lediglich darum, wer den Eroberungskrieg gegen das einfache Volk von Mexiko führen werde. „Es kommt dasselbe dabei heraus, egal ob die PRI oder die PAN gewinnt.“

Er betonte außerdem: „Hier haben wir die wahre Natur der PRD gesehen und derjenigen, die von sich behaupteten, die EZLN unterstützen.“

Die Delegation zur Verbreitung der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald hat in Michoacán laut Marcos zahlreiche Probleme vorgefunden – wie die massive Auswanderung in die Vereinigten Staaten und Landstreitigkeiten. Diese Probleme wurden u.a. von der Regierung des Bundesstaates angeheizt.

Als die Begleit-Karawane des Delegado Zero den Boden des Bundesstaats Michoacán betrat, wurde sie laut Marcos von der Guardia Blanca des Gouverneur Lázaro Cárdenas Batal empfangen. Diese diene ihm dabei seine Verbindungen zum Drogenhandel und ausländischen Interessen zu verbergen.

Damit spielte Marcos auf einen Vorfall von Sonnabendnacht an. Um 22:30 Uhr wurden Mitglieder des Radios Pacheco, der Unabhängigen Volksfront Francisco Villa, der kommunistischen Partei Mexikos, Studenten des Efrén-Capiz-Hauses und lokale Koordinatoren der Anderen Kampagne von Männern angegriffen, die Uniformen der Buena Vista Stadtpolizei trugen.

Eduardo vom Radio Pacheco gehörte zu den Angegriffenen. Er sagt aus, die Teilnehmer der Karawane bemerkten etwa sechs Meilen hinter Buena Vista, dass drei der Fahrzeuge durchstochene Reifen hatten.

Einige Fahrgäste stiegen aus, um nach einer Möglichkeit zu suchen, die Reifen zu reparieren. Plötzlich tauchten drei Streifenwagen mit fünfzehn bewaffneten Männern, gekleidet in Uniformen der Stadtpolizei von Buena Vista auf. Sie zwangen die Zurückgebliebenen auf den Boden und hielten sie mit angespannten Waffen in Schach. Sie gaben an, dass sie eine Durchsuchung vornehmen würden, da sie einen Bericht über einen Raub erhalten hätten.

Auf Fragen der vermeintlichen Polizisten gaben die jungen Männer und Frauen an, dass sie zur Anderen Kampagne gehörten. Kurz nachdem sie den Ort verlassen hatten kehrten die Männer in Uniformen der Polizei des Bundesstaats zurück.

Kurz vor dem Ende seiner Rede erklärte Marcos, dass Zirahuén nicht allein ist im Kampf, da sie im Laufe der Tour durch Mexiko überall Genossinnen und Genossen gefunden hätten und sich weitere Kräfte den ihrigen, die sich bis dahin allein wähnten, angeschlossen hätten. Zum Schluss sagte er: „Wir erwarten nichts von der Regierung. Das Einzige, was wir von ihr wollen, ist zu verschwinden, und wenn sie nicht verschwindet, werden wir sie stürzen. Das einzige, was wir von den Reichen wollen, ist zu verschwinden, und wenn sie nicht verschwinden, dann werden wir dafür sorgen.“

„Die Zeit des Widerstands, der Verteidigung ist vorbei. Es ist an der Zeit anzugreifen, denn dies ist die einzige Möglichkeit als Indigene zu überleben.“, fügte er hinzu.

Einer der Zuhörer schwenkte im Eingang der Gemeindeschule, in der die Versammlung stattfand, eine mexikanische Flagge. Während Marcos auf die Fahne zeigte, sagte er, dass es notwenig ist, ein anderes Mexiko aufzubauen, in dem die Flagge wieder mit Würde wehen könne, ohne Betrug und Hohn.

Zum wiederholten Mal stellte er das Ziel der Anderen Kampagne klar. Die Mexikanerinnen und Mexikanern sollen nicht auf Antworten von oben warten, sondern selbst nach Lösungen für ihre Probleme suchen. Sie sollen ihre Anstrengungen vereinen, geführt von einfachen Bauern, indigenen Völkern, Kindern, Jugendlichen, Frauen und anderen Gruppen die unter dem kapitalistischen System leiden würden.

„Wir kamen, um sie zu bitten“, fügte er hinzu, „uns anzusehen, uns zuzuhören, uns ihr Wort zu geben. Wir kamen, um sie zu fragen, aufrecht zu verteidigen, was wir verlieren würden, wenn wir weiter auf unseren Knien bleiben. Es ist an der Zeit aufzuwachen. Es ist an der Zeit aufzustehen.“

Die Anwesenden reagierten mit großem Applaus und wiederholten die Rufe „Zapata lebt, der Kampf geht weiter!“ (wie der unvergessliche Efrén Capiz zu rufen pflegte) und „Die Gemeindebauern von Zirahuén kämpfen zusammen mit aller Kraft, für ihr Land, für ihren Wald und für ihren See.“

Sechsundsiebzig Jahre nach der Landverteilung des aus Michoacán stammenden Generals und Präsidenten Lázaro Cárdenas del Río, angefangen 1939, bekräftigten tausende arme Bauern und ihre Nachkommen ihre Entschlossenheit das Land zu verteidigen, während sie mit traditioneller Musik und Tänzen feierten.

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